| Inspiriert durch vielfältigen Kulturgenuss – Antwerpen, Gent, Brügge | INDIVIDUELL UND GEFÜHRT Die Flandern-Tour 7 Tage – ab 237 km Tourbeschreibung » |
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| „Delirium tremens“ als Aufputschmittel Von Roswitha Bruder-Pasewald, erschienen im BNN Reise-Journal 27. März 2004 |
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| „Wer will noch eine Waffel haben?“ Thomas, das Rad-As mit den Fremdenführer-Qualitäten, hat einfach kein Glück mit der belgischen Spezialität. Während die ihm anvertrauten Schäfchen gierig, aber dennoch gesittet zu Ardenner Schinken, Salami mit Nüssen und süffigem Cidre aus Frankreich greifen und der üppig gedeckte Tisch ratzfatz geplündert wird, zeigen sie dem zuckersüßen Naschwerk nachdrücklich die kalte Schulter. Was irgendwie auch verständlich ist: die kalorienschwere Köstlichkeit mit den zahnfeindlichen Zuckerkristallen ist selbst ausgewiesenen Süßschnäbeln zu mächtig. Da nutzen selbst Thomas’ vollmundige Lobpreisungen nichts, die belgische Spezialität liegt wie ein Ladenhüter im Picknickkorb. Wären da nicht die beiden Radlerinnen, die Thomas’ spitzbübischem Sunnyboy-Lächeln einfach nicht widerstehen können und voller Mitgefühl zugreifen, das berühmte Backwerk des kleinen Königreiches würde wohl Schimmel ansetzen. Hätten sie wohl besser nicht getan. Denn das Land zwischen Ardennen und Nordsee mag in Küstennähe zwar flach wie eine Flunder sein – und somit ideales Terrain für willige, aber ungeübte Radwanderer -, doch der nahrhafte Nachtisch liegt den beiden Opferlämmern wie ein Mahlstein im Magen. Ein Schläfchen im Grünen wäre jetzt schön, mit Sonne im Gesicht und Wind in den Haaren; vielleicht noch eine gemächliche Bootstour durch diese maritime Landschaft, wo Kanal an Kanal grenzt. Doch Thomas kennt kein Erbarmen, schließlich liegt noch eine ordentliche Wegstrecke vor der Radgruppe aus Deutschland, bevor sie sich am Abend erneut an einen reich gedeckten Tisch setzen kann. Also weg mit dem inneren Schweinehund und rauf aufs Rad, zumal die versprochene Kaffeepause nur wenige Kilometer entfernt liegt. Nach ein paar Umdrehungen sind die schwer verdaulichen Waffeln und das schmerzende Sitzfleisch vergessen, das Brennen in den Waden ist einer angenehmen Wärme gewichen und der Kopf ist endlich wieder frei für all jene Eindrücke, die man von Pieter Breughels Bildern kennt: eine bukolische Landschaft mit fetten Weiden, gurgelnden Bächen, stolzen Städten und gemütlichen Dörfern. Flandern: Schon der Name ist Musik in den Ohren von Kunst- und Kulturfreunden, klingt nach ruhmreicher Vergangenheit und aussichtsreicher Zukunft. Vorbei die Zeiten, als die frankophonen Wallonen, im 19. Jahrhundert durch Industrialisierung reich geworden, ihre Nachbarn nur als brave Bauern und billige Dienstboten betrachteten und sie pauschal als Kollaborateure der Deutschen verdächtigten. Heute haben sich die Verhältnisse ungekehrt, und die verarmte Wallonie hängt am Tropf der prosperierenden flämischen Provinzen, deren Glanzzeiten für immer vorbei schienen. Reich wie die Städte Norditaliens sind Flanderns Metropolen einst gewesen, Ergebnis geschickter Politik und arbeitsamer Menschen. Doch dann versank das Territorium, das jahrhundertelang Zankapfel zwischen Frankreich, Österreich und Spanien war, im Dornröschenschlaf, und die allgegenwärtige Armut erwies sich als der beste Denkmalschützer: Ihr mittelalterliches Gesicht verdanken Gent und Brügge zwischenzeitlicher Ebbe in der Kasse. Doch eigentlich sind die beiden städtischen Schmuckstücke nur das Sahnehäubchen einer Tour, die durch malerische Ort mit so niedlichen Namen wie Deurle, Dendermonde oder Schellebelle führt und die Radwanderer aus Deutschland mit flandrischen Besonderheiten bekannt macht. „Jede Stadt, die etwas auf sich hält, hat eine Kirche und einen Grote Markt“, gibt Sebastian, im Hauptberuf Student und ebenso (Rad-)enthusiastisch wie Kollege Thomas, seiner Gruppe auf den Weg; und bereits in Antwerpen, der pulsierenden Hafenstadt an der Schelde, erkennen die Kulturbeflissenen, was damit gemeint ist. Die heilige Maria wacht über einen Platz, den selbst die verwöhnten Brüsseler neidvoll betrachten und der Fremde in Entscheidungsnöte bringt. Was ist nun schöner – das kolossale Rathaus aus dem 16. Jahrhundert mit seiner verspielten Fassade, der gewaltige Brabo-Brunnen, der an den legendären Namensgeber der Stadt erinnert, oder die Giebellandschaft der stolzen Zunfthäuser, wo sich früher Tuchwirker, Gerber, Schuhmacher, Böttcher und Schützen versammelten? Nur die Fleischer blieben außen vor – wegen des Gestanks. Jahrhundertelang stand Antwerpen im Schatten der schönen Konkurrentinnen Gent und Brügge. Doch deren Auflehnung gegen die Habsburger Herren sowie die Versandung der Schiffsverbindung zum Meer, des so genannten Zwirn, die Brügge immer mehr dem Meer entrückte und seinen wirtschaftlichen Niedergang besiegelte, ließ die Stadt an der Schelde erblühen und zur unangefochtenen Wirtschaftsmetropole Europas im 16. Jahrhundert aufsteigen. Im „Goldenen Zeitalter“ der Stadt wuchs der himmelstürmende Nordturm der Liebfrauenkirche empor, eine der größten gotischen Kirchen der Welt, und Künstler wie Snyders, Jordaens und van Dyck waren so gefragt, dass ihre Häuser kaum denen ihrer Gönner nachstanden. Doch das größte Genie, das Antwerpen, die weltoffene und zugleich heimelige Stadt, hervorgebracht hat ist Peter Paul Rubens, ein begnadeter Künstler und gewitzter Geschäftsmann, der wie am Fließband malte. In etlichen Kirchen, Museen und seinem Domizil ist zu sehen, was dieser „Gemäldefabrikant“ mit der Vorliebe für kräftiges Rot geschaffen hat, wobei unbestritten ist, dass er viele unbekannte Malhelfer hatte. Doch wo bitte steht Flanderns imposantester Belfried, jene wuchtigen Glockentürme, die im Westen Belgiens ebenso selbstverständlich sind wie ein Grote Markt? Sebastian hat seinen Favoriten längst ausgemacht, die „geballte Ladung“ des Genter Exemplars hat es ihm besonders angetan. So weltstädtisch sich Antwerpen präsentiert – immerhin nennt man den zweitgrößten Hafen Europas sein Eigen und ist dank der Diamantenbranche ein hochkarätiges Pflaster -, so bodenständig gibt sich die einstige Konkurrentin am Zusammenfluss von Leie und Schelde, der trotz ihrer mittelalterlichen Turmsilhouette nichts Museales anhaftet. Wie Wolkenkratzer bauen sie sich vor dem Betrachter auf – die St. Nicolaas-Kirche, der erwähnte Belfried und die St. Bavo-Kathedrale, die Gents größten Schatz birgt – den Genter Altar der Gebrüder van Eyck, der allein die Reise in die alte Tuchstadt rechtfertigt. Naturforschern gleich haben Jan und Hubert van Eyck die Paradieswiese gestaltet, selbst Maiglöckchen, Erdbeeren und Wiesenblumen sind auf der „Anbetung des Lamms Gottes“ zu erkennen, dessen kräftige Farben nichts an Strahlkraft verloren haben. Eigentlich ist es ein Wunder, dass dieses Meisterwerk abendländischer Kunst vor Zerstörung verschont blieb, denn die Stadt, die Ende des 15. Jahrhunderts über 100 000 Einwohner zählte, erlebte einen Schlamassel nach dem anderen. Mal rebellierten Weber gegen Patrizier, mal Bürgerschaft gegen Kaiser und König, mal Proletarier gegen Kapitalisten. Doch Gent, die Schöne, mit ihren Kanälen und Flussarmen hat alle Verwerfungen überstanden, hat gar ein historisches Kleid für die Zukunft angelegt. Die prachtvollen Zunfthäuser am alten Hafen standen nämlich ganz woanders, wurden jedoch zur Weltausstellung 1913 an ihren jetzigen Standort verpflanzt, so dass die Korenlei am linken und die Graslei am rechten Ufer der Leie zum schönsten Platz von Gent wurden. Das Beste haben sich Thomas und Sebastian für den Schluss aufgehoben – jene Stadt, deren Ende eigentlich schon im 15. Jahrhundert besiegelt schien und der Georges Rodenbach mit seinem morbiden Endzeit-Portrait „Bruges-la-Morte“ ein literarisches Denkmal setzte. Doch sowohl die mittelalterlichen Warner als auch der romantische Dichter irrten: Brügge mit seinen 2 000 denkmalgeschützten Häusern ist lebendiger denn je, was eine Million Besucher jährlich zu schätzen wissen. Ganze Busladungen pilgern zum gewaltigen Marktplatz mit der unvergleichlichen Giebellandschaft der Zunfthäuser, lassen sich in kleinen Booten durch die Grachten schippern und genießen vom Belfried den Blick auf nichts als Mittelalter. Wen interessiert schon, ob die Phiole mit dem Blut Christi wirklich echt ist, wo doch die Heiligblutbasilika für sich allein schon ein Schmuckstück ist. Und wenn die Reliquie bei der Heiligblutprozession zu Christi Himmelfahrt durch die engen Gassen Brügges getragen wird, sind Gläubige und Touristen gleichermaßen zufrieden. Felix Timmermans, die dichtende Seele Flanderns, hat seine Landsleute besser als jeder andere gekannt. Sie seien ein Volk der Kontrabässe, der Säufer und Schlemmer, Genießer und hart arbeitende stramme Kerle gleichermaßen. Recht hat der Mann gehabt, wobei man die Erfindung der Pommes frites wohl eher als verzeihbaren Fehltritt werten muss. Doch die riesige Auswahl an Biersorten macht diese Fettfalle allemal wett. Die tausend verschiedenen Sorten, die es zwischen Knokke und Eupen angeblich geben soll, mögen zwar nicht immer dem hoch gelobten deutschen Reinheitsgebot entsprechen, doch bei der Namenswahl ist das kleine Benelux-Völkchen weitaus einfallsreicher als der große Nachbar im Osten. „Wie wär’s mit einem Delirium tremens“, fragt Thomas in die Runde, und nach einem ersten Koster in freier Natur weiß auch der Letzte, warum dieses hammerharte Gebräu der letzte Schrei bei jeder Geburtstagfete ist. Der „schnelle Tod“ mit gewöhnungsbedürftigem Himbeergeschmack schmeckt auch nicht schlecht, und für Kirschenliebhaber gibt es das gute Kriek. Wem die 8,5 Prozent Alkohol des Gerstensaftes mit dem verheißungsvollen Namen „Judas“ immer noch nicht reichen, der greift zum Nationalgetränk Genever, das die englischen Nachbarn unter dem Namen Gin doch tatsächlich als ihre Erfindung ausgeben. Die kleine Bierprobe am Kanal mobilisiert bei den Radlern die letzten Kräfte; nur Thomas’ Waffeln bleiben unberührt liegen. ... zurück zur Tourbeschreibung | |||||||
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