Flandern – Schlemmerrunde mit viel Kultur

Flandern! Da denkt man an berühmte Fahrradklassiker, die Biervielfalt, Schokoladenpralinen und die gelben „Frieten“. Die rund 470 Kilometer lange Radtour folgt den großen Namen Belgiens wie Antwerpen, Gent und Brügge, die allesamt mit ihren bezaubernden Altstadtperlen eine Reise wert sind.

Limburg gehört zu Flandern und ist schon seit Jahren die beliebteste Fahrradprovinz Belgiens. Tourenradlern steht ein über 2.000 Kilometer langes Radroutennetz zur Verfügung, das sich in Form von weitverzweigten Waben über das ganze Land verteilt. Als Reisestartpunkt habe ich mir die charmante Kleinstadt Tongeren ausgesucht. 400 Jahre lang war die durch zwei Verteidigungsmauern gesicherte Siedlung Drehkreuz für Waren auf der Römerstraße Via Belgica. An diese Epoche erinnert das spannende Gallo-Römische Museum. Ehrfurchtsvoll spaziere ich durch das Ausstellungshaus, das 2011 mit dem Titel „Europäisches Museum des Jahres“ ausgezeichnet wurde. In chronologischer Zeitfolge durchläuft man als Besucher den Verwandlungsprozess vom Jäger und Sammler ab dem Jahr 500.000 v. Chr. bis hin zum sesshaften Stadtbewohner am Übergang des Römischen- ins Frankenreich. Rund 2.200 kostbare archäologische Objekte, Filme, Animationen sowie interaktive Anwendungen beleuchten die ferne Vergangenheit des alten Kontinents und steigern meine Vorfreude auf die kommenden Etappen.

Das flämische Knotenpunkt-System

Am nächsten Morgen erwacht der Beginenhof von Tongeren ganz langsam. Eine graue Wolkenfront hat sich über die Stadt gelegt und untermalt die mittelalterliche Stimmung der backsteinernen Wohnhäuser aus dem 13. Jahrhundert. Das historische Kleinod genießt zusammen mit 12 weiteren flämischen Beginenhöfen seit 1998 besonderen Schutz als UNESCO-Weltkulturerbe. Vier dieser architektonischer Juwelen möchte ich mir in den nächsten Tagen auf meiner Radreise in Richtung Nordseeküste ansehen. Voller Erwartung drehe ich noch eine Runde durch das Zentrum. Zu Füßen der Liebfrauenbasilika werden gerade verschiedene Marktstände aufgebaut. Gegenüber erblicke ich das erhabene Standbild des belgischen Nationalhelden Ambiorix, das verblüffend dem gallischen Comichelden Asterix ähnelt. Vorbei an der Stadtmauer, neben der sich gestylte Rennradfahrer zur gemeinsamen Ausfahrt sammeln, rolle ich hinaus zum ersten Knotenpunkt mit der Nummer 107. Rennradfahren hat in Belgien einen hohen Stellenwert und die „Ronde van Vlaanderen“ – Die Flandern-Rundfahrt, welche 2013 ihr 100-jähriges Jubiläum feierte, genießt in Belgien beinahe den Status eines nationalen Feiertages. 250 Kilometer legen die Profis an einem Tag zurück – da ist mein Vorhaben weit weniger sportlich. Zu Hause habe ich mir auf der Webseite www.fietsnet.be eine dreitägige, Genießertour zusammengestellt und mit den Daten mein GPS-Gerät gefüttert. Eine digitale Unterstützung braucht man hier in Flandern eigentlich gar nicht, so gut ist das Wegenetz ausgebaut. Die blau eingefärbten Radschilder stehen an jedem Straßenkreuzungspunkt und weisen mit weißen Pfeilsymbolen zielsicher den gewünschten Weg. Erfunden wurde das auf die Niederlande und den Nordwesten Deutschlands übertragene Fietsrouten-Netzwerk 1995 in der Provinz Limburg. An jedem Knotenpunkt gibt es eine Übersichtskarte mit allen benachbarten Routennummern, die man wahllos zu einer Mehrtagestour oder kleinen Radrunden kombinieren kann. Die Beschilderung schickt mich auf befestigten Flurwegen durch hochstehende Maisfelder und kleine Waldstreifen, zwischen denen sich versprengte Dörfer verteilen. Sanft wellt sich die Landschaft. Sie bildet die liebliche Kulisse für erstklassige Sehenswürdigkeiten wie dem herrschaftlichen Schloss Alden, der Cmine in Genk und dem Freilichtmuseum Bokrijk, die mich den ganzen Tag über immer wieder aus dem Sattel locken. Hinter dem Albert-Kanal kehre ich der Fahrradroute den Rücken zu und steuere meine zweite Unterkunft, das B&B AmuseCouche an. Jessy Aerts empfängt mich mit einem warmen Lächeln und führt mich durch die hohen, in gedämpftes Licht getauchten Räume der stilvollen Unterkunft. „Zusammen mit meinem Mann Stefan habe ich die ehemalige Jeneverbrennerei im Jahr 2005 erworben und seither vier gemütliche Zimmer für unsere Gäste hergerichtet“, erzählt sie voller Stolz. „In den nächsten Jahren werden wir auch die anderen Produktionsräume in wohnliche Bleiben umwandeln. Dabei ist uns wichtig, dass die Backsteinarchitektur erhalten und sichtbar bleibt“. Dabei deutet Jessy hinauf zum rundgemauerten Fabrikschlot, der den rechteckigen Gebäudekomplex überragt.

Handelsmetropole Antwerpen

Die folgenden zwei Etappen vergehen viel zu schnell und unterwegs stimmt alles: Bei prächtigem Sommerwetter steuere ich begeistert durch das immer flacher werdende Land in Richtung Westen. Von Stunde zu Stunde überbieten sich die Höhepunkte und meine Fotospeicherkarten füllen sich wie von alleine. Da ist die märchenhafte Koerselse Heide, die Norbertinerabtei in Tongerlo mit ihrem Da Vinci-Museum sowie mein nächster Übernachtungsort Herentals, in dem vor allem das prächtige Rathaus alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Nach dem das Auge den ganzen Tag über verwöhnt wurde, genieße ich abends die Vielfalt der flämischen Küche. Schließlich komme ich nach Antwerpen, wo mein zweiter Reiseabschnitt beginnt. Frisch geduscht nach einer leichten 50-Kilometertour treffe ich am Nachmittag an der Rezeption des Hotel Hilton auf die Reisegruppe des Veranstalters Weinradel. Die bunt gemischte Gesellschaft umfasst zehn begeisterte Radler aus ganz Deutschland. Geführt werden wir von Andrea und Thomas. Während Andrea den Begleitbus steuert und die Picknicks sowie den Gepäcktransport übernimmt, radelt Thomas immer an unserer Seite. Er ist der Besitzer des in Aachen ansässigen Unternehmens und hat schon fast alle Touren geleitet, die im WeinradelReisekatalog angeboten werden. So besitzt er ein immenses Wissen, von dem wir auf den nächsten Etappen profitieren. Los geht es aber erst einmal zu Fuß durch die mit Details überfrachtete Altstadt von Antwerpen. Wenige Schritte sind es zum Grote Markt, dem Großen Marktplatz, der komplett von repräsentativen Prachtbauten umrahmt wird. Den ersten Platz unter den Profanbauten nimmt das mit prächtigen Fahnen dekorierte Rathaus ein. Dieses monumentale Renaissancegebäude wurde 1561 fertiggestellt und trägt an seiner Fassade drei Wappen, die die wechselvolle Geschichte der alten Seefahrerstadt widerspiegeln. So sehen wir die Symbole des Herzogs von Brabant, daneben eines des Königs Philip II von Spanien sowie das Wappen des Markgrafen von Antwerpen. Im Anschluss an das Stadhuis erheben sich mehrere, mit goldfarbenen Statuen besetzte Zunfthäuser ins Himmelsblau und leicht zurück versetzt steht in Sichtweite die Liebfrauenkathedrale mit ihrem 123 Meter hohen Turm – dem nächsten UNESCO-Welterbe. An diesem verlängerten Wochenende ist dies alles nur die Kulisse für Größeres, denn gerade findet das Bollekesfeest statt. Wir schieben uns voller Neugierde durch den großen Trubel, der sich um die rotweißen Zeltbuden gruppiert. Die Luft ist erfüllt vom Wohlgeruch verschiedenster Backwaren, Kaffee und Gebratenem. Den ganzen Abend über sorgen zahlreiche Live-Musik-Auftritte für eine prächtige Atmosphäre. Und was wäre Flandern ohne sein bernsteinfarbenes Bolleken Bier? Ganze 85.000 Gläser dieser frisch gezapften Spezialität gehen während der vier Tage andauernden Feierlichkeiten über die Theken, na dann prost!

Landpartie und Städtepracht

Tags darauf rollen wir in Zweierreihen längs der Schelde aus der Rubensstadt hinaus. Die wehrhafte Burg Stehen liegt schnell hinter uns und die flache Landschaft übernimmt die Regie. Am Himmel ziehen große Wolkenschiffe vorüber und nach ein paar anfänglichen Schauern kommt die Sonne wieder zum Vorschein. Thomas weiht uns unterwegs in die Geschichte und die Geschichten am Wegesrand ein. Unterbrochen von idyllischen Flusspartien mitsamt Fährfahrten machen wir in der Glockenspielerstadt Mechelen sowie in Dendermonde Station. Eine Stadt in Flandern ist schöner als die andere und doch sind sie nur das Vorprogramm für die Glanzpunkte Gent und Brügge. Erstere erreichen wir gegen 19 Uhr als die Strahlen des tief stehenden Sonnenballs auf die Westfassade des belebten Hafens Graslei treffen und die Konturen der Prachtbauten modellieren. Wie schon Antwerpen ist auch Gent durch den Seehandel groß geworden. Ein hoher Turm genügte den stolzen Händlern Gents nicht – drei mussten es sein, einer schöner und höher als der andere stehen sie dicht hintereinander aufgereiht da. Unsere Blicke wandern unweigerlich nach oben „Belfriede sind alte Glockentürme und zieren die wichtigsten Städte in Belgien, es gibt so gar einige im Norden Frankreichs. Die Türme daneben gehören der SintNiklaas-Kirche und der St. Bavo-Kathedrale, dort befindet sich auch der Genter Altar. Das berühmteste Kunstwerk der Stadt, werde ich euch morgen zeigen“ erklärt Thomas mit einer Handbewegung in Richtung Kirchenportal.

Die Leie – Ein Flüsschen mit eleganten Schleifen

Gent ist ein idealer Ausgangspunkt für einen Tagesausflug entlang des Flüsschen Leie. Nur fünf Radkilometer sind es durch den Speckgürtel der 250.000- Einwohnerstadt bis zur Mündung des beschaulichen Gewässers und welch ein Kontrast. Nichts erinnert an das Pulsieren der belebten Studentenstadt. Unser Reiseleiter hatte nicht zu viel versprochen, als er von seinem persönlichen Streckenhighlight geschwärmt hat. Alles ist so wie beschrieben: Wir passieren hochgewachsene Bäume, die sich weit in die dicht aufeinander folgenden Flussschleifen lehnen, sehen gemächlich dahin treibenden Hausbooten nach und bummeln in Richtung Picknickplatz. Andrea hat wieder ein reichhaltiges Mittagessen im Grünen aufgetischt: Vor unseren Augen drängen sich auf dem kleinen Esstisch verschiedene mit Trauben verzierte Käse und Wurstsorten, Kuchen, Brot, Belgische Waffeln sowie frisch angemachte Salate. Daneben stehen, wohltemperiert Wein, Bier, Säfte und Wasser – Stärkung für die nächsten Flachkilometer.

Brügge – Hauptstadt der Schokolade

Von Gent nach Brügge sind es vier entspannte Stunden auf dem Fahrrad. Auf breiten Dammradwegen führt die Reiseroute an mehreren Wasserkanälen entlang. Durch das tagelange Radeln Seite an Seite ist unsere Reisegruppe immer mehr zusammen gewachsen. Aus Fremden sind geschätzte Weggefährten geworden, mit denen man viel und herzhaft lacht. Dann ist es endlich so weit – Brügge! Venedig des Nordens, Perle Flanderns, Hauptstadt der Schokolade. All diese Namen trägt die Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2002 zu Recht. Sie unterstreichen die Vielseitigkeit des durch den gewinnträchtigen Handel reich gewordenen Hansekontors. Den Anfang unserer Besichtigungstour macht der Beginenhof, gefolgt von schmalen Stein-brücken, die sich elegant über die verzweigten Grachten schwingen. Unter uns gleiten weiße, bis auf den letzten Platz besetzte Sightseeing-Boote durchs Wasser und eine Etage höher erklingt das Geklapper der Pferdekutschen, die gemächlich über das glatte Kopfsteinpflaster rumpeln. In Gänsemarschformation rollen wir hinter Thomas her und ich weiß gar nicht wo ich hinsehen soll, geschweige auf welche Fassade ich mein Kameraobjektiv als Erstes richte. Unser Reiseleiter hat wieder eine schöne Rundtour per Fahrrad konzipiert und lotst uns zielsicher von Platz zu Platz. In kurzen Abständen ziehen großartige Sehenswürdigkeiten vorüber: Die Liebfrauenkirche, die hinter ihren dicken Mauern das weltberühmte Plastik ÄMadonna mit Kind³ von Michelangelo beherbergt, dann der bezaubernde Rozenhoedkaai, welcher zahlreiche Postkarten und Buchcover ziert, das Rathaus und abschließend der Grote Markt mit dem Belfried in der Mitte. Der letzte Abend rückt näher und mit ihm ein erstklassiges Dreigängemenü im Restaurant „De Vlaamsche Pot“. Mario Cattoor ist Besitzer der alten Gaststube und Autor mehrerer Kochbücher. Seine Künste präsentiert er bei Kerzenschein. Als Vorspeise werden wahlweise Nordseekrabben oder Pasteten gereicht, danach gibt es das flämische Nationalgericht „Waterzooi“, ein köstlicher Eintopf. Dazu lassen wir uns hausgemachte Frieten, frisches Brot, Bier und Wein schmecken. Zum Abschluss serviert man uns ein leckeres Brügger Sahne-Dessert – die abgestrampelten Kalorien wollen ja wieder aufgefüllt werden. Unsere Radreise durch Flandern endet tatsächlich, wenn sie am Schönsten ist.

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