Gent

Gent heute

Gent, die Hauptstadt der Provinz Ostflandern, bildet mit seinen ca. 250.000 Einwohnern nach Brüssel und Antwerpen den drittgrößten Ballungsraum Belgiens. Neben ihrer Rolle als Verwaltungszentrum sind in der Stadt seit dem Mittelalter das Tuchmacherhandwerk und der Tuchhandel zu Hause. Auch im 21. Jh. ist Gent noch immer eine bedeutende Textilstadt mit Baumwollspinnereien und Leinenwebereien. Handel getrieben wird heute außerdem mit Obst, Gemüse und den Blumen der umliegenden Anbaugebiete.

Die Stadt liegt verkehrsgünstig am Zusammenfluss von Schelde und Leie. Der heute zweitgrößte Hafen Belgiens wurde 1968 durch den 33 km langen Gent-Terneuzen-Kanal mit der Nordsee verbunden. An der Wasserstraße haben sich zahlreiche Firmen aus der Elektronik-, Chemie-, Automobil- und Maschinenbauindustrie angesiedelt.

Das moderne innerstädtische Leben prägen die ca. 70.000 Studenten, die die 1816 gegründete flämische Universität besuchen. Einen Rang unter den Kunststädten des Landes hat Gent durch seine zahlreichen historischen Bauten an der Leie und in den Gassen der Altstadt, sowie durch seinen weltberühmten „Genter Altar“.

Gent gestern

Aus dem 7. Jh. stammt die erste Erwähnung der Stadt, etwas später gab es bereits eine Burg und zwei Abteien, in deren Umfeld Siedlungen entstanden. Im 12. Jh. arbeiteten die Genter in der Leinenweberei und an der Herstellung von Tuchen aus englischer Wolle.

Auf Grund ihres wirtschaftlichen Erfolgs wuchs die Stadt rapide und besaß um 1250 eine Ausdehnung, die erst 600 Jahre später überschritten wurde.

Die kommenden beiden Jahrhunderte mit ihren zahlreichen blutigen Auseinandersetzungen verdeutlichen den Geist der Genter: Von jeher äußerst selbstbewusst und freiheitsliebend, kämpften die mächtigen Gilden und Zünfte der Stadt um ihre Interessen, die meist denen ihrer Landesherren entgegenstanden. Die Grafen von Flandern unterstützten im Hundertjährigen Krieg die französische Seite, während die Genter Bürger traditionell engste Wirtschaftsbeziehungen zum Widersacher England pflegten. Oft holten sich die Genter bei Aufständen und Schlachten blutige Nasen, was sie nicht davon abhielt, sich weiterhin für ihre wirtschaftliche und städtische Freiheit einzusetzen.

Die burgundische Periode im 15. Jh. führte zum Aufblühen von Kunst und Kultur – u. a. entstand der „Genter Altar“ der Gebrüder van Eyck.

Der Unterschrift unter die „Genter Pazifikation“, die 1576 Religionsfreiheit und die Vertreibung der katholischen Spanier proklamierte, folgte die nächste verlorene Schlacht. Die endgültige Unterwerfung der rebellischen Stadt durch den spanischen Statthalter Alexander Farnese hatte zur Folge, dass die überwiegend protestantischen Weber und andere Handwerker Gent den Rücken kehrten. Damit war der wirtschaftliche Niedergang besiegelt.

Erst im 18. Jh. folgte der nächste Aufschwung im Zuge der Frühindustrialisierung: Die ersten Manufakturen zur Weiterverarbeitung von Baumwolle und Wolle entstanden. Später wurden mechanische Webstühle aus England eingeführt, so dass Gent den Beinamen „Manchester des europäischen Festlandes“ erhielt. Diese Entwicklung, gepaart mit dem aufständischen Geist der Genter, bewirkte, dass die Stadt bis heute als Hochburg der organisierten Arbeitnehmerinteressen und als Vorkämpferin für flämische Eigenständigkeit gilt.