Privatreise durch das südliche Marokko im Dezember 2015

Persönliche Reiseeindrücke unseres langjährigen WEINRADEL-Reiseleiters Christian Schröder

Marrakesch – Königsstadt zwischen Tradition und Moderne

Nur wenige Schritte trennen in Marrakesch das Gassengewirr der Medina mit ihren vollgestopften Läden, Werkstätten und Marktständen von den breiten Prachtboulevards der Ville Nouvelle. Innerhalb der 12 km langen Stadtmauer mit ihren 200 Basteien erstreckt sich die Welt der Souks – ein schier endloses, engmaschiges Netz aus Basaren mit Quartieren für bestimmte Warengruppen: Textilien, Lederwaren, Silberschmuck, Keramik, Eisenwaren, Gewürze, Teppiche und vieles mehr. Dazwischen immer wieder Läden, die auf engstem Raum alle Waren des täglichen Bedarfs für die Bewohner der Altstadt anbieten. Die nach Außen fast fensterlosen Riads, Atriumhäuser in römischer Tradition, entfalten ihre Schönheit erst im Inneren. Je mehr man sich vom Djemaa el Fna, dem Platz der Geköpften, zugleich Zentrum des Handels und des Nachtlebens, entfernt, desto stärker wird der Eindruck, in eine altorientalische Welt einzutauchen. Eine vollkommen andere Atmosphäre präsentiert sich, sobald man eines der elf Stadttore durchschreitet. In der Neustadt erstrecken sich breite Boulevards, die in der Zeit des französischen Protektorats nach Pariser Vorbild angelegt wurden und heute die Namen der Herrscher der regierenden Alawidendynastie tragen. Im Businessviertel Gueliz werden keine Lederpantoffeln angeboten, keine Glaslaternen und keine Schnitzarbeiten aus gemasertem Thujawurzelholz. Hinter den verspiegelten Fassaden der klimatisierten Einkaufszentren sortieren durchgestylte Verkäuferinnen die Waren internationaler Designer und Handelsketten. Über großzügig angelegte Plätze, die von Straßencafés und Cocktailbars gesäumt werden, flaniert die Jeunesse dorée des Royaume du Maroc, entweder ins Gespräch oder in das neueste Smartphone vertieft. Im benachbarten Villenviertel Hivernage befinden sich, umgeben von gepflegten Parks und den Clubs der oberen Zehntausend, die internationalen Luxushotels, die den Charme der guten alten Zeit versprühen und jeden erdenklichen Komfort bieten.

Mehr als nur Sahara!

Marrakesch war der Auftakt zu einer zehntägigen Erkundungsreise durch Südmarokko. Von der Idee einer Radreise im Norden Afrikas war ich sofort begeistert, als Frauke und Thomas Mertens von WEINRADEL mir von ihrer interessanten Ausarbeitung der neuen Fern-Radreise erzählten. Mir war sofort klar: Das wird das Ziel für meinen nächsten Winterurlaub. Reisebegleiter und zugleich Testreisender war mein Vater, der mich als Kind gelehrt hat, unbekannte Länder und Kontinente zu entdecken. Sein Fazit nach der gemeinsamen Entdeckungstour: „Das war eine der interessantesten Reisen, die ich je gemacht habe.“ Auf unserer Route, die wir mit öffentlichen Bussen, Sammeltaxis und auch per Mitfahrgelegenheit zurückgelegt haben, wollte ich möglichst viele Eindrücke sammeln und gleichzeitig einige Fragen im Hinblick auf die Reiseform und das Reiseland klären: Wie sind die klimatischen Verhältnisse? Ist es zu heiß zum Radfahren? Auf welchen Straßen werden wir radeln, wie ist das Landschaftsbild und natürlich: Hat die Region so viele Sehenswürdigkeiten, Ausblicke und kulinarische Genüsse zu bieten, wie man es von WEINRADEL-Radreisen in Europa gewohnt ist? Meine Einschätzung zu allen Punkten ist durchweg positiv. Die Radstrecken führen über kaum befahrene Landstraßen durch spektakuläre und abwechslungsreiche Landschaften. In der Küstenregion ist das Klima ganzjährig mild und ausgeglichen. Am Atlantik weht immer ein frischer Wind, der dafür sorgt, dass selbst die Sommerhitze als angenehm empfunden wird. Die Gipfel des Hohen Atlas sind im Frühjahr schneebedeckt und bilden das natürliche Wasserreservoir für die Landwirtschaft in den Oasentälern. Umgeben von Steinwüsten bildet das Drâatal ein von Palmenhainen gesäumtes grünes Band mit einer üppigen Vegetation. Erst im äußersten Süden Marokkos erheben sich die ersten Sanddünen der Sahara.

Mehr als nur ein Seebad!

Unsere Reise war von zahlreichen spontanen Begegnungen mit Marokkanern, mit in Marokko lebenden europäischen Expats und mit Individualreisenden geprägt. In Agadir zeigt Monsieur Karim, ein fließend Deutsch sprechender Fischer, uns den Arbeitsplatz der Seeleute, die im Zweischichtsystem auf hölzernen Kuttern in See stechen. Ein Teil des Fangs wird direkt im Hafen zum Kauf angeboten. Der fangfrische Fisch und die Meeresfrüchte der Wahl werden zu einem der Grillstände oder Hafenrestaurants gebracht und vor den Augen der Gäste zu schmackhaften Grillplatten verarbeitet, um dann mit der rechten Hand verspeist zu werden. Wenige Schritte entfernt werden in einer ausgedehnten Freilandwerft hölzerne Fischkutter aus südafrikanischen Balken gezimmert und dann hochseetauglich endmontiert. Die Gerippe der Schiffsrümpfe wecken Assoziationen an Hansekoggen, die im Mittelalter zwischen den Hafenstädten an Nord- und Ostsee im Einsatz waren. Auch in dieser modernen Planstadt, die nach dem verheerenden Erdbeben von 1960 am Fuße der zerstörten Altstadt vollkommen neu errichtet wurde, ist also das traditionelle Handwerk noch sehr lebendig.

Wer baut denn noch mit Lehm?

Eines der Highlights der Reise war der Aufenthalt in der Kasbah der Familie Aït al Qaid in dem von Palmengärten umgebenen Dorf Asslim unweit der kleinen Garnisonsstadt Agdz im Valleé du Drâa. In der in traditioneller Lehmbauweise errichteten Wohnburg lebten bis vor wenigen Jahren die Nachkommen des Qaid Ali, der Anfang des 20. Jahrhunderts im Auftrag des Sultans die Regierungsgewalt in diesem fruchtbaren Landstrich ausübte. An den wehrhaften Festungsbau aus Stampflehm mit seinen vergitterten Fenstern schließt sich ein von Arkaden umgebener Hof an, der wie eine rustikale Variante des Löwenhofes der Alhambra wirkt. Er erinnert daran, dass die Kultur des Kalifats al-Andalus und seiner Nachfolgestaaten nach der Eroberung durch die christlichen Königreiche in Marokko eine Fortsetzung fand. Nachdem der Enkel des Qaid und seine französische Frau Gaelle in eine moderne Villa gezogen sind, vermieten sie die noch erhaltenen Zimmer des Sommerpalastes an Reisende mit Sinn für außergewöhnliche Destinationen. Auf Grund der knackigen Nachtkälte entscheiden wir uns gegen das „Chambre d’Eté“ mit den bunt bemalten Flügeltüren und den an ein Sultanszelt gemahnenden bemalten Deckengewölben. Stattdessen wählen wir eine gemütliche Schlafstube mit nur einer Außenwand und kleinem Fenster. Nach der Kühle der Nacht genießen wir die Morgensonne beim Frühstück mit Blick auf die Zisterne und die umgebenden Tafelberge. Unvergessen bleibt die Wanderung durch die von Lehmmauern abgegrenzten Oasengärten, in denen über den von winzigen Kanälen bewässerten Gemüseäckern die Schatten spendenden Zitrusbäume und darüber die Dattelpalmen thronen. Ziel der Wanderung ist Tamnougalt, eine beeindruckend große Stampflehmstadt auf der Route nach Timbuktu, in der bis vor wenigen Jahrzehnten 150 muslimische und 50 jüdische Familien in enger Nachbarschaft verbunden lebten. Nachdem die meisten der verbliebenen Bewohner es vorzogen, in neu errichtete Häuser aus Hohlblocksteinen zu ziehen, sind die teils jahrhundertealten Lehmbauten der Witterung und dem Verfall preisgegeben.

Gastfreundschaft im Land der Berber

Auch in den Bergdörfern des Atlasgebirges werden die hier traditionellen Trockenlehmbauten durch ähnlich dimensionierte Neubauten aus Leichtbeton und Zement ersetzt. Nach einem Aufenthalt in der aus mehreren Hollywoodfilmen bekannten Festungsstadt Aït-Ben-Haddou nächtigten wir in einem von 84 Familien bewohnten Bergdorf wenige Kilometer vor der auf 2260 m gelegenen Passhöhe des Tizi-n-Tichka. In Irherm-n-Ougdal verließen wir den Überlandbus, da es hier laut Aussage des Reisehandbuchs eine Herberge geben sollte. Praktischerweise hielt der etwas altersschwache Bus direkt vor einem an eine Westernstadt erinnernden Gebäude mit der Aufschrift „Hotel“. Nachdem wir die Schwingtür zum Saloon durchschritten hatten, stellten wir schnell fest, dass das Gebäude in der Tat etwas Kulissenhaftes an sich hatte. Die Hotelzimmer waren längst abgebrochen oder zu Ziegenställen umgewidmet. In der früheren Hotellobby befindet sich heute das örtliche Alkoholgeschäft. Nach Aussage des Verkäufers wurde das Hotel 1930 von einer Französin eröffnet, die nach der Unabhängigkeit Marokkos das Land wieder verließ. In der im Handbuch erwähnten Herberge finden Wanderarbeiter und Erntehelfer aus den Nachbardörfern ein Obdach. Noch bevor wir weitere Erkundungen einholen konnten, betrat Radwin, ein Berber aus dem Volk der Chleuh, den Raum. Er lud uns ein, in dem halbfertigen Neubau seiner Familie zu übernachten. Nachdem wir eine Mahlzeit aus Brot, Olivenöl und Datteln verspeist hatten, wurde auf dem Betonfußboden des weitgehend unmöblierten und einzigen verputzten Raumes aus Teppichen und Decken ein gemütliches Nachtlager für uns bereitet, das vor der aufsteigenden Bodenkälte schützte. Gemeinsam mit Radwin unternahmen wir am folgenden Tag eine Wanderung in ein entlegenes Seitental des Hohen Atlas, die mein Vater teilweise auf einem im benachbarten Weiler ausgeliehenen Maultier zurücklegte. Nach der Rückkehr in der Abenddämmerung amüsierten sich unsere Gastgeber über meine Versuche, dem Vorbild der Einheimischen folgend, auf einem blauen Plastikschemel hockend, mit nur einer Hand möglichst kugelrunde, tischtennisballgroße Kügelchen aus Hühnchengemüse-Couscous zu formen und formvollendet zum Mund zu führen. Spätestens hier wurde deutlich, dass der Süden des Königreichs Marokko nicht nur eine Vielzahl von Sehenswürdigkeiten und Landschaftsformen zu bieten hat. Berber, Araber, Juden, Franzosen und andere Völkerschaften haben die Kultur geprägt und ihre Spuren hinterlassen. Selbst die andernorts berüchtigte Kampfgemeinschaft der Vandalen, die im 5. Jahrhundert unter ihrem Kriegerkönig Geiserich weite Teile des heutigen Maghreb beherrschte, haben die Chleuh-Berber offenbar in guter Erinnerung behalten. Gerade jetzt, da Länder wie Tunesien und Ägypten mit rückläufigen Besucherzahlen zu kämpfen haben, freut man sich auf Gäste aus Almanīya. Christian Schröder

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